„Man kennt die Pulsmessung natürlich aus dem Medizinstudium. Aber das ist in keiner Weise vergleichbar mit dem was eine Pulsdiagnostik im Ayurveda beinhaltet. Und das war eine ganz spannende Erfahrung. Dass man feststellt, dass es eine Unmenge an Feinheiten gibt, die sich da herauslesen lassen.“ 

Interview mit Dr. Christine Huber, Fachärztin für innere Medizin in Zürich

Frau Dr. Huber absolvierte den Ärzte-Ausbildungskurs „Maharishi Ayurveda Puls­­dia­gnose & Phytotherapie“ 2021 an der Deutschen Ayurveda Akademie. Das Interview wurde im Oktober 2022 geführt.

Wie war – kurz zusammengefasst – Ihr bisherigen beruflichen Werdegang?

Studium der Humanmedizin – Approbation – Facharztausbildung zur Internistin – Hauptsächliche Tätigkeit in einem Krankenhaus – aktuell am Universitäts-Spital mit einer kleinen Beteiligung an einer Praxistätigkeit

 

Arbeiten Sie schon immer in der Schweiz?

Schon immer, genau. Auch während dem Studium habe ich schon das praktische Jahr in der Schweiz absolviert. Und dann nach dem Studium bin ich direkt in die Schweiz gegangen.

 

Eine kleine Beteiligung an einer Praxis wie muss man sich das vorstellen?

Ich bin knapp 80% an einem öffentlichen Spital tätig und 20 % ärztlich tätig in einer Praxis.

 

Wie kam es zum Interesse an einer Weiterbildung in Ayurveda?

Letztendlich ist es die holistische Ansicht und die holistische Herangehensweise, dessen sich der Ayurveda bedient, was ich schon lange interessant gefunden habe. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich auch bereits mit Yoga und darüber natürlich dann auch den Einstieg zum Ayurveda gefunden habe.

 

Hatten Sie schon etwas Ayurveda-Vorwissen oder -Erfahrung, als Sie sich zum Maharishi Ayurveda Ausbildungskurs für medizinische Heilberufe angemeldet haben?

Ein- bis zweitägige  Kursseminare. Die grundlegenden Ideen, die Konstitutionstypen, das war mir schon ein Begriff. Aber jetzt noch nicht in der Tiefe.

 

Was fällt Ihnen in Verbindung mit dem Ausbildungskurs spontan ein, wenn Sie an Erfahrungen, Begebenheiten oder Inhalte denken, die bei Ihnen einen besonderen Eindruck gemacht haben?

Die Herangehensweise an die Pulsdiagnostik. Das war etwas ganz Neues. Man kennt die Pulsmessung natürlich aus dem Medizinstudium. Aber das ist in keiner Weise vergleichbar mit dem was eine Pulsdiagnostik im Ayurveda beinhaltet. Und das war eine ganz spannende Erfahrung. Dass man  feststellt, dass es eine Unmenge an Feinheiten gibt, die sich da herauslesen lassen. Und das es viel mehr ist als das was man aus dem medizinischen Alltag so kennt. Das war inhaltlich schon sehr interessant und aufschlussreich.

Wie setzen Sie das Wissen, das Sie auf dem Ausbildungskurs erlangt haben, in Ihrem Beruf ein?

Die Konstitutionsbeschaffenheit der Patienten, die läuft immer im Hintergrund mit bei mir. Das ist fast schon wie eine Art Automatismus. Und je nachdem was natürlich die Fragestellung ist, kommen dann die Empfehlungen des Ayurveda mehr zum tragen oder weniger. Wenn ich eine Akut-Situation habe oder es ganz klar ein medizinische Vorgehen braucht, dann ist die ayurvedische Diagnostik eher im Hintergrund.

Bei chronischer Beschwerden bekommt die ayurvedische Diagnostik einen ganz wichtigen Stellenwert – und ist auch sehr hilfreich wenn es darum geht dem Patienten auch Prävention beizubringen: Lebenstilmaßnahmen erklären zum Beispiel. Das sind Dinge die sich sehr gut mit dem Ayurveda verbinden lassen.

Profitieren Sie auch persönlich von dem neu erlangten ayurvedischen Wissen?

Ich glaube es ist ja auch immer ein persönlicher Werdegang. Alles was man im Leben lernt, lernt man natürlich auch für sich. Und so ist es natürlich auch mit dem Ayurveda. Dass man da natürlich einerseits viele Erkenntnisse über den Menschen bekommt, aber wir sind ja alle Menschen und deswegen bekommt man auch Erkenntnisse über uns selbst. Da nutzt einem das Wissen um zu schauen: Wie besteht vielleicht eine Disbalance? Oder was wäre jetzt bei bestimmten Beschwerden konstitutionsspezifisch hilfreich? Und da ist es auch für jeden Einzelnen, der diesen Kurs gemacht hat, eine persönliche Bereicherung. Ich kann das jetzt nur für mich sagen, aber ich glaube da kann ich auch für meine Kolleginnen und Kolleginnen sprechen, die mit mir auf dem Kurs waren. Dass da jeder auch ein Stück weit eine ganz große Bereicherung mitnimmt.

Und das Wissen ist auch nicht etwas, das man dann abschließt. Es wird ja so mit in den Alltag oder ins Leben implementiert, dass man eigentlich so gewisse Grundeinstellungen dann eigentlich mitnimmt; es ist ja eigentlich eine Lebensphilosophie. Und je nachdem wie man sich mit dieser Lebensphilosophie identifizieren kann nimmt man das durch den Alltag und durch das Leben hindurch mit.

Wie schwer oder leicht war es, das Wissen zu erlernen und anzuwenden?

Also die Begrifflichkeit sind sicherlich nicht alltäglich. Begriffe aus dem Sanskrit, das sind Worte, mit denen wir normalerweise nicht in Berührung kommen. Das muss man sich einfach mal so verinnerlichen, gerade wenn es um bestimmte Charakteristika im Puls geht, von denen man die entsprechenden Fachbegriffe im Sanskrit lernt. Da ist am Anfang sicherlich nicht ohne.  Es ist die Frage ob man das im Alltag – gerade auch im Umgang mit Patienten – so präsent haben muss oder nicht. Weil wir sind ja in der Praxis in einer Patienten-konzentrierten Sprache, also in einer Laien-Sprache und da verwenden wir die Begriffe eigentlich weniger.

Was die Inhalte und die Technik der Pulsdiagnose angeht war es am Anfang schwierig mit der Pulsdiagnose etwas anzufangen. Das was gesagt wurde, was man diagnostisch bei der Pulsdiagnose erfühlen soll, dass man das dann auch 1:1 fühlt, das war erst schwierig, da immer auch etwas Subjektives ist. Und das macht es sicher schwieriger von einer subjektiven Ebene auf eine objektive Ebene zu kommen.

 

 

Ab wann kam für Sie der Punkt dass es leichter, klarer wurde und dass Sie sich langsam sicherer fühlten?

Das ging schon bis zur Mitte des Kurses. Wobei bei uns einige Online-Termine stattgefunden hatte, die ursprünglich als Präsenz-Termine geplant waren – den Einschränkungen bezüglich Präsenzunterricht wegen der Pandemie geschuldet. Und das erleichterte das Erlernen der Pulsdiagnose natürlich nicht.  Denn gerade beim Üben der Pulsdiagnose während der Präsenzwochenenden konnte Dr. Wolfgang Schachinger auch immer noch mal draufschauen und einem mitteilen wie er es sieht / spürt: Dadurch lernt man diese Praxis, denn nur durch sich ist es schwierig das zu lernen. Man braucht ja schon auch irgendwie ein Gegenüber, der da eine gewisse Expertise hat und einem auch sagt, das ist jetzt richtig oder falsch, was du da gerade tastest.

Ein Puls der sich zum Beispiel „kalt”, „ölig“, „pochend”, „hart” oder „hüpfend” anfühlt, wie fühlt ich das an? Wie soll ich mir das vorstellen? Das ist am Anfang erst mal schwierig. Denn das ist man nicht gewohnt welche der Qualitäten ein Puls hat. Das erlernt man am besten in der Gruppe, beim Fühlen und Vergleichen vieler unterschiedlicher Pulse und mit den Rückmeldungen vom Dozenten.

 

Welche Erwartungen hatten Sie an den Kurs?

Sicherlich ein Basiswissen über den Ayurveda zu erhalten. Was mich besonders interessiert hat war die Phytotherapie, weil ich mich da unabhängig vom Ayurveda auch mit der europäischen Phytotherapie viel beschäftige und das auch in meiner ärztlichen Tätigkeit anwende. Zudem bin ich auch bei der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie bin. Von dem her war die Pflanzenheilkunde aus dem Spektrum des indischen Kontinents schon sehr interessiert. Und das war durchaus auch aufschlussreich. Wobei man natürlich sagen muss, dass gerade bei den Maharishi Ayurveda Produkte in der Regel fast immer Kombinationspräparate sind, was in der europäischen Pflanzenheilkunde weniger stark vertreten ist: Dass man fixe Kombinationspräparate hat, sondern da schaut man eher nach den einzelnen Pflanzen, was in der Behandlung angebracht wäre. Also es ist leicht anders vom Therapiekonzept her. Aber ich sehe es ähnlich wie in der tibetischen oder chinesischen Medizin (TCM), wo man verschiedene Pflanzenkombinationen hat; das deckt sich dann wieder sehr mit der Herangehensweise des Ayurveda.

 

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Ja, bezüglich des Basiswissens haben sich meine Erwartungen definitiv erfüllt. Auch was die Pulsdiagnose angeht war es sehr spannend. Aber es ist immer schwierig zu sagen, was für Erwartungen man hat, wenn es ein komplett neues Feld ist. Da geht man meistens erst mal neugierig rein und schaut was dann rauskommt. Und da muss ich sagen das hat mich sehr positiv überrascht.

Und was die Pflanzenheilkunde angeht ist s sicherlich auch spannend gewesen, auch gerade was die ayurvedische Betrachtung von Heilpflanzen betrifft, also dass man zum Beispiel von den Geschmacksrichtungen bitter, herb, süß, etc. Rückschlüsse ziehen bezüglich der auf die Wirkung Doshas Vata, Pitta und Kapha. Das hat man sicherlich gut gelernt. Was die Anwendung angeht bezüglich der Kombinationspräparate, da ist es so, dass man sich sehr an das Vademecum halten muss. Ich kann jetzt nicht eine Pflanze herausnehmen uns sagen „Gut, jetzt habe ich Terminalia Arjuna oder Brahmi und das verwende ich jetzt als Einzelsubstanz. Weil die Maharishi Ayurveda Präparate so nicht konzipiert sind. Sondern immer in Anlehnung an die Originaltexte als Multipräparate. Da muss man dann so ein paar Präparate auswendig lernen oder was jetzt diese Nummern betrifft, das war am Anfang für mich ein bisschen befremdlich, muss ich sagen. Weil man sich darunter am Anfang ganz wenig vorstellen konnte. (Anmerkung: Ayurveda-Präparate der Marke Maharishi Ayurveda haben für Ärzte und Personen in medizinischen Heilberufe im Normalfall nur eine Nummer.) Und wenn man sich anschaut wieviele Inhaltsstoffe ein Präparat teilweise hat – teilweise über 20 Inhaltsstoffe – dann wird es natürlich schon schwierig das jetzt im Einzelnen vom Pflanzenprofil her nachvollziehen zu können, wie das genau auf das Beschwerdebild einwirkt. 

Wobei man dazu natürlich auch wiederum sagen muss, dass es im Ayurveda in dem Sinne auch keine Krankheitsbilder als solche gibt sondern eher Dosha-Ungleichgewichte und dass da der Fokus ein anderer ist. Nicht wie in unserer westlichen Medizin, dass man eben schaut „jetzt habe ich eine Hypercholesterinämie und wie kann ich die behandeln”. Die Herangehensweise ist vom Ayurveda her einfach eine ganz andere. Und das macht es schwierig die Pflanzen 1:1 zu adaptieren an ein Krankheitsbild.

Wie kommen ayurvedische Pulsdiagnose und ayurvedische Therapievorschläge bei Patientinnen und Patienten an?

Ich schaue mir die Patienten natürlich an, ob ein Patient daran interessiert ist oder nicht. Weil sonst habe ich natürlich auch andere Herangehensweisen – das Spektrum der Komplementärmedizin ist ja sehr breit. Denn da wo ich jetzt hauptsächlich arbeite sind wir vor allem in der nicht-medikamentösen Komplementärmedizin vertreten – im Bereich der Mind-Body-Medizin. Das kommt dann immer ein bisschen darauf an: Welcher Patient interessiert sich für Naturheilkunde – da mache ich dann auch mal eine eher ayurvedische Beratung.

Und ich habe durchaus schon sehr gute Erfahrungen gemacht; sei es jetzt im Bereich funktionelle Beschwerden, abdominell, aber durchaus auch im Bereich einiger dermatologischer Krankheitsbilder. Und dann natürlich auch konstitutionsspezifisch, wenn ein Patient psychisch belastet ist oder das Thema Nervosität oder Unruhe ein Thema ist. Da gebe ich auch gerne mal ein spezifisches Ayurveda-Präparat. Und das schlägt in der Regel sehr gut an.

Das sind so die großen Spektren, wo ich den Ayurveda anwende. Und die Pulsdiagnose die kommt eigentlich – sage ich jetzt mal – nebenbei eigentlich bei fast allen Patienten zum Einsatz. Und das kann dann in einem Vermerk für mich resultieren, dass ich den Patienten konsitutions-spezifisch einordnen kann, oder wenn die Patienten danach fragen, dann kann ich es ihnen auch mitteilen. Die meisten sind da sehr interessiert daran. Viele kennen es nicht und fragen dann auch mal nach. Sie wollen dann wissen was ist es denn genau oder bejahen dann „ja, das stimmt schon, ich bin eher so und so” und das deckt sich dann häufig vom Puls her mit der Konstitution und wie die Patienten sich selbst auch sehen. Die Patienten reagieren sehr positiv darauf. 

Die ayurvedische Pulsdiagnose setzen Sie also sehr häufig ein, aber ayurvedische Therapievorschläge geben Sie nur wenn Sie vorab erfragt haben, ob beim Patienten Interesse besteht?

Ganz genau. Weil das ja nicht mein Haupteinsatzgebiet ist. Ich bin ja nicht in eine Ayurveda-Klinik sondern in einem öffentlichen Krankenhaus am Institut für Komplementärmedizin. Da sind die Schwerpunkte eben anders verteilt. Aber gerade präventiv kann durchaus das eine oder andere aus den Bereichen Phytotherapie und Lebensstilmodifikationen mit eingebracht werden – wo der Ayurveda ja sehr viele gute Empfehlungen parat hat.

Ich habe bisher herausgehört, dass Sie Schulmedizin und Ayurveda parallel einsetzen und sich auch beides gut ergänzt. Würden Sie dem zustimmen? 

Ja. Man kann das wirklich komplementär machen, nach einem integrativen Ansatz.

 

Vielen Dank für das Interview!